Teil 9: 16 Tage vor Weihnachten

So ein verdammter Mist!“ Per fluchte als ihm die Tasse mit dem Kaffee aus der Hand fiel und beinahe der heiße Inhalt über seine Füße ergoss. Verzweifelt sah er sich in der inzwischen wieder nicht mehr sehr aufgeräumten Küche um. Wo war jetzt das Küchenpapier? Cleo lag mit Grippe im Bett und da nahm langsam wieder die alte Unordnung die Wohnung in Besitz. Ah ja, hinter dem Tellerstapel. Breitbeinig, um möglichst nicht in die Kaffeepfütze und Scherben der Tasse zu laufen, lehnte sich Per über den Tellerstapel und versuchte mit einer Hand, mit der anderen musste er sich abstützen, ein paar Lagen Küchenpapier abzureißen. Leider stieß er dabei an den Tellerstapel, der nun ebenfalls zu Boden ging. Mit äußert blumigen Ausdrücken fäkaler Mundart kommentierte Per das Happening.

„Spinnst du? Was machst du für einen Lärm in aller Herrgottsfrühe?“ Cleo hatte sich in die Decke gewickelt und stand in der Küchentür. „Cleo! – Du sollst doch schlafen?“ –„Bei dem Krach? Brüderchen, wie soll das gehen?“ Cleo sah ihn mahnend an. „Entschuldigung!“ er wirkte fast etwas zerknirscht. Cleo wickelte sich aus der Decke heraus und versuchte mit Küchenpapier die Scherben zusammen zu führen und den Kaffee aufzuwischen. „Cleo – lass das – leg dich lieber wieder hin. Ich mach das schon!“ Per ergriff sie bei den Schultern und versuchte sie aufzurichten. Cleo hustete. „Siehst du?“ gluckte Per. „Du gehörst ins Bett – ich mach das schon.“ Mit tränenden Augen und Husten sah seine Schwester ihn fragend zweifelnd an. „JA-a – ich kann das!“ er lächelte überzeugend, versuchte es zumindest. „Na ich weiß nicht.“ Cleo klang heiser, ließ sich und ihre Decke aber wieder ins Wohnzimmer auf ihre Gästematratze zu verfrachten.
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„Was war denn heute Morgen los?“ wollte Alexander später wissen. Per seufzte. „Ich treff mich doch heute Abend mit Freddy!“ – „Ach? Und da dachtest du da ja Scherben bekanntlich Glück bringen, vernichtest du gleich mal sämtliches Geschirr, das wir haben?“ Alex grinste breit.

Eine Weile saßen beide Freunde ruhig in der Küche am Küchentisch. Heute war wieder ein Schneetag und im Radio wurde wie so oft in den letzten Tagen „Last Christmas“ gespielt. „Immer wieder dieses Lied!“ grummelte Per. „Als gäbe es nichts anderes!“ Alex lachte.

„Alex?“ –„Ja?“ – Per räusperte sich. Alex sah ihn fragend an und wartete erst mal ab. „Ich treff mich doch heute Abend mit Freddy – und…“ Alex schlug seinem Freund aufmunternd auf die Schulter. „Hey klasse! Wurde aber auch Zeit.“ – „Jetzt hör doch mal – was soll ich da machen?“ – „Wie, was du da machen sollst? Du bist doch aufgeklärt?“ – „Nein – ja – vielleicht gehen wir zu Tony?“ „Spinnst du? Ich muss heute arbeiten und eure liebestollen Blicke ertrage ich nicht noch einen weiteren Abend.“ Alex grinste und fügte dann hinzu: „ Geh mit ihr Essen, dann was trinken – am besten ins El Paso, da ist es nicht so laut, da kann man sich noch unterhalten und dann seht einfach was passiert.“ – „Und wenn sie irgendwo tanzen will?“ – „Bist du schwul?“ – „Nein? Hä?“ – „Na dann ist ja alles klar.“ Zufrieden lehnte sich Alex zurück. Per nickte und schwieg.
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Abends rannte Per wie ein aufgescheuchtes Huhn in der Wohnung hin und her. Nach mehreren Telefonaten und Mittagstreffen im Kaffeeshop vor, nach und zwischen den Vorlesungen und Seminaren hatten sich beide für heute Abend zum Essen verabredet. Cleo konnte nicht anders und hatte ihren Bruder schon den ganzen Tag damit aufgezogen, zumindest als sie gegen Mittag sich wieder ganz gut von ihrer Erkältung erholt hatte. Per wurde immer nervöser. Das letzte Mal als er stärkeres Interesse an einer Frau als an einem guten Fußballspiel hatte war schon eine Weile her.

„CLEO!“ rief er verzweifelt aus seinem Zimmer. „Was ist!“ Cleo schrie aus der Küche zurück.

„Was soll ich anziehen?“ – Lachend ging sie in das Zimmer ihres Bruders. „Wie wär’s mit einer Hose und einem T-shirt und einer Strickjacke? – Unterwäsche wäre auch nicht schlecht.“ Sie grinste ihren Bruder, der im Adamskostüm in seinem Zimmer stand, an. „Das ist nicht witzig!“ begehrte ihr Bruder auf. „Doch, DAS IST WITZIG! – Endlich, nach all den Jahren brüderlichen Amüsements gegenüber deiner Schwerstern, als wir verzweifelt versuchten für das männliche Geschlecht attraktiv dazu stehen, hast du das gleiche Problem. Ich danke den Allmächtigen dafür und spätestens bei deiner Hochzeit mit Freddy werde ich sie darüber informieren.“ – „CLEO!“ Per brüllte fast. „Womit hab ich das verdient?“ Cleo sah ihn wissend an und grinste. „Du kannst froh sein, dass ich da bin und nicht Finny!“ Per stöhnte auf als Cleo den Namen ihres identischen Zwillings erwähnte. Musste Cleo aber zustimmen. Er hatte wirklich Glück dass Finny nicht da war.
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Doch Per wurde doch noch rechtzeitig fertig. Was aber seine Nervosität nicht minderte. Er holte tief Luft. Cleo lehnte Crissinis knabbernd in der Küchentür. „Auf geht’s Tiger! – Du schaffst es! Zeige ihr dein charmantes Lächeln und sie liegt dir zu Füßen!“ sie grinste. „Dein Wort in Gottes Ohr. – Drück mir die Daumen.“ winkelte sich in Schal und Wintermantel ein und ging hinaus in das fröhlich leichte Schneetreiben um Freddy abzuholen. „Ich warte mal nicht auf dich!“ rief ihm Cleo nach und grinste. Per schüttelte den Kopf. „Tu nicht was ich nicht auch tun würd!“ rief sie ihm durch den Hausflur nach.
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Freddy und Per saßen sich in ihrem Lieblingsitaliener gegenüber. Der Kellner hatte sie in eine kuschelige Nische geführt. Nervös saßen sie sich nun gegenüber und sahen in die Speisenkarte. „Weißt du schon was du nimmst?“ erkundigte sich Per. „Nein – d. h. eigentlich schon, zuerst bin ich mir immer ziemlich sicher was ich will, aber sobald ich in die Karte schaue, dann gibt es wieder so viele andere Sachen, die ich gerne essen würde.“ – „Wir können uns ja was teilen?“ schlug Per vor. Freddy zuckte zurück. Mist! Das hätte sie kommen sehen müssen. „Kennst du Friends?“ – „Bitte?“ – „Ja die US-Comedy?“ – „Nope – wieso?“ – „Es ist meine Lieblingsserie und einer der Hauptakteure – Joey, er ist Übrigends auch Schauspieler, isst sehr gerne, jedoch: er teilt sein Essen nicht und – nimm es mir bitte nicht krumm: Freddy teilt ihr Essen nicht.“ sie lächelte entschuldigen. Per lachte. Ja davon hatte er schon gehört. „Keine Sorge – ich bin durchaus in der Lage mein Essen selber zu essen, ist mir auch lieber, ich glaube – auch in mir steckt ein kleiner Joey.“ Freddy grinste. „Was ist jetzt?“ erkundigte sich Per. „Der ,kleine Joey‘?!“ – Per lachte, er hatte die Zweideutigkeit seiner Aussage erkannt und Freddy stimmte erleichtert mit ein. Irgendwie hatte die kleine Obszönität die Spannung gelöst und die Unterhaltung floss dahin. Freddy war begeistert. Es hätte nicht besser laufen können. Per war genauso nett, wie sie es sich vorgestellt hatte. Bei dem Kaffee legte sie leicht ihre Hand auf seine. Warum nicht forsch rangehen? Wenn es ihm unangenehm war soll er es sagen. Aber er wirkte gar nicht danach. Er spielte sogar leicht mit ihren Fingern. Freddy erschauerte genüsslich.
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Freddy und Per gingen engumschlungen im leichten Schneeflockengewirr in Richtung U-Bahn. Der Schnee glitzerte im Laternenlicht. Bevor sie die Treppe hinunterstiegen blieb Freddy kurz stehen und legte ihren Kopf in den Nacken. Mit der Zunge fing sie die Schneeflocken auf. „Mach auch mal! Das macht Spaß!“ forderte sie Per mit blitzenden Augen auf. Per lachte und versuchte es – es machte wirklich Spaß. Er genoss den Blick entgegen den Schneeflocken zum Himmel und das leichte Schmelzen der Flocken in seinem Bund. Er lachte Freddy an. Ihre Augen waren ernst. Aber sie lächelte leicht. Mit seiner Hand berührte er ihre Wangen und strich mit dem Daumen darüber. Sie lehnte sich dagegen und öffnete leicht die Lippen. Er lächelte und beugte sich langsam zu Freddy herab. Ihre Lippen berührten sich leicht. Dann trennten sie sich wieder und nickten einander zu. Per legte wieder seinen Arm um ihre Schultern und beide stiegen hinab in die U-Bahnstation.

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