Teil 7: 18 Tage vor Weihnachten

Freddy rannte auf Per zu, als dieser an der U-Bahnstation stand und auf die Bahn wartete. Ein Skript in der Hand. Heute war wieder Praxisübung. „Oh man! Erst hat Irmi mich zu früh geweckt und als ich dann dachte, ich schlaf noch ‘ne Runde habe ich vergessen meinen Wecker zu stellen. Wobei es bei dem auch irgendwie Glückssache ist, wenn der funktioniert. – Uff!“ – „Du hast es ja noch geschafft.“ beruhigte sie Per und erfreute sich an ihrem Anblick. Blitzende wache Augen und leicht vom Laufen und Kälte gerötete Wangen. „Wenn ich verschlafe komme ich dann auch immer gleich zu spät.“ er lächelte sie freundlich an. Gemeinsam liefen sie zum Gleis und konnten gerade noch rechtzeitig in die U-Bahn springen – ein freundlicher Mitstudent hatte sich in die Lichtschranke gestellt, dass die Tür nicht zu ging. Es war noch sehr früh und beide würden trotzdem noch rechtzeitig zum Seminar kommen. Nachteil war: noch sehr viele Pendler waren unterwegs und es gab keine Sitzplätze mehr und – das fand Per sehr bedauerlich – keine Stehplätze nebeneinander. In Ermangelung der Größe hatte sich Freddy an die Tür gelehnt und Per konnte sich noch an einem der herabhängenden Haken festhalten. Er beobachtete Freddy, wie diese in das Skript sah und die Stirn runzelte. Moderne Darstellung moderner Kunst war immer irgendwie seltsam. Nicht nur, dass die Themen anscheinend möglichst hochgestochen sein mussten, sondern auch die Umsetzung hatte – in seinen Augen – nichts mit der Schauspielerei zu tun. Freddy seufzte. „Dann bin ich doch lieber ein Stuhl!“ grummelte sie und Per lachte und grinste. „Ich bin dann ein Fußball!“ – „So rund bist du doch gar nicht.“ kommentierte Freddy trocken. „Hast du eine Ahnung. – Cleo ist noch nicht mal eine Woche da und schon passen die Hosen nicht mehr.“ er seufzte. „Werde wohl mal wieder eine Runde im Gym verbringen müssen. – Oder zwei!“ – „Du machst wenigstens hin und wieder was – ich besteige eher viel zu oft Canapé Ostwand und nehme mir immer zu viel Proviant mit.“ – „Echt? – Sieht man dir gar nicht an!“ meinte Per verwundert und war sich aber dann unsicher ob er nicht zu viel gesagt hatte. Er war immerhin mit zwei Schwestern aufgewachsen und da kann schon eine kleine Bemerkung zu viel des guten sein. Per war sehr erleichtert als Freddy grinste und meinte: „Nö nö, das ist der Vorteil von Winterklamotten – die kaschieren.“
****************************************
> „Mich wundert, dass Ihr immer etwas sagen wollt, Signor Benedict, kein Mensch achtet auf Euch.“

> „Wie, mein liebes Fräulein Verachtung! Lebt Ihr auch noch?“

> „Wie soll wohl Verachtung sterben, wenn sie solche Nahrung vor sich hat, wie Signor Benedict? – Die Höflichkeit selbst wird zur Verachtung werden, wenn Ihr Euch vor ihr sehen lasst.“

> „Dann ist Höflichkeit ein Überläufer, aber so viel ist gewiss, alle Damen sind in mich verliebt, Ihr allein ausgenommen; und ich wollte, mein Herz sagte mir, ich hätte kein so hartes Herz; denn wahrhaftig, ich liebe keine.“

> „Ein wahres Glück für die Frauen; Ihr wäret Ihnen ein gefährlicher Bewerber geworden. Ich danke Gott und meinem kalten Herzen, dass ich hierin mit Euch eines Sinnes bin. Lieber wollt‘ ich meinen Hund eine Krähe anbellen hören, als einen Mann schwören, dass er mich liebe.“

> „Gott erhalte mein gnädiges Fräulein immer in dieser Gesinnung! So wird doch ein oder der andre ehrliche Mann dem Schicksal eines …vergessenen Textes entgehen. – Mist!“

Freddy und Per standen im Raum und spielten die Begegnung von Beatrice und Benedict in „Viel Lärm um nichts“. Mit dieser Stückwahl hatte der Seminarleiter seine Studenten wieder einmal überrascht, denn dieser hatte so rein gar nichts mit „Moderner Darstellung“ zu tun. Leider vergaß Per immer wieder den Text. Shakespeare lag ihm einfach nicht und dass im Seminar „Moderne Darstellung Moderner Kunst“. Per fluchte und Freddy sah ihn vorwurfsvoll an. „…eines zerkratzten Gesichts entgehen!“ half der Seminarleiter weiter. „Genaue Textstudien schützen übrigens auch vor solch einem Schicksal. – Noch mal von vorne bitte.“ Er nickte seinen beiden Studenten zu und fügte dann beiläufig hinzu: „Aber mit vertauschten Rollen.“ Die Studenten stöhnten innerlich auf. Da war es wieder, das Überraschungsmoment des Seminars „Moderne Darstellung“.
****************************************
Die beiden saßen in der Mittagspause – wohl eher Nachmittagspause in einem kleinen Café in der Nähe der Seminarräume. Freddy hatte einen großen Latte Macchiato vor sich stehen und Per spielte mit seiner Cola. Sehr männlich! Er grummelte innerlich mit sich selber.

„Wir haben es gar nicht schlecht gemeistert – oder?“ fragte Freddy skeptisch. „Mal abgesehen davon, dass wir den Text zig-mal wiederholen mussten lief es wirklich gut.“ Per lächelte leicht.

Freddy seufzte: „Wir waren scheiße!“ – „Aber im Improvisieren waren wir gut!“ versuchte Per sie aufzumuntern. Da lachte sie auf und verzog die Mundwinkel nach oben und genau in diesem Moment verlor Per den Halt an seiner Cola, beziehungsweise das Glas entglitt beim herumschwenken seinen Fingern und lief über den Tisch genau auf Freddy so und ergoss sich auf ihrer Hose. Freddy schrie erschrocken auf und sprang vom Stuhl. Per lief zu ihr hin und im Versuch Servietten aus dem Serviettenhalte zu ziehen stieß er diesen um und gegen ihren Latte, der sich nun in seine Richtung und seine Hose ergoss. Beide hielten in der Bewegung inne und Per sah Freddy erschrocken an. Super! So zum Deppen hatte er sich ja noch nie gemacht. Hektisch wischte er an ihren Hosen und zwischen ihren Beinen herum. Sie ergriff seine Hand und sah ihn freundlich an. „Lass nur!“ Per war überwältigt, sie lächelte ihn an. ER machte sich zum Volltrottel und sie lächelte freundlich. Er war bestimmt total rot.
****************************************
„Und deswegen achten sie darauf, dass sie nichts so leicht überrascht.“ schloss der Dozent seine Rede über Spontanität auf der Bühne. Am Nachmittag hatte er noch andere Studenten in den Genuss seiner „modernen Interpretationen“ – Romeos und Julias Sterbeszene durch zwei Männer dargestellt war nur eine davon – gebracht. All dies, diente dem Ziel seine Studenten darauf vorzubereiten, wenn mal bei einer Aufführung nichts nach Plan ging, wie er in seiner Abschlussrede darstellte. „Da kann ich drauf verzichten!“ murmelte der Julia-Darsteller neben Per, der sich immer noch nicht von seiner Szene erholt hatte. Freddy kniff die Lippen zusammen. War es ihr peinlich? Per sah sie genauer an. Was schwierig war, da sie intensiv nach unten sah. Beide verließen nebeneinander schweigend das Seminar. Freddy sah immer noch nach unten. „Alles ok?“ erkundigte sich Per unbehaglich. Sie schüttelte nur den Kopf – blickte auf, sah sich um, vergewisserte sich ob auch der Dozent nicht da war und lachte laut los. „Es tut mir leid, aber dein Gesicht bei dem letzten Kuss von Romeo und Julia …“ ihre Stimmte war hoch und gicksend, wie wenn sie ihr Lachen nicht ganz unterdrücken konnte. Per lief rot an, als er noch daran dachte und da fiel ihm ein, dass er dieses Seminar eigentlich mit Alexander machen wollte. Innerlich seufzte er erleichtert auf, dass dieser doch keine Zeit hatte. Manche Dinge gingen eben nicht! Freddy knuffte Per in die Seiten. „Ein Penny für deine Gedanken!“ – „Ich wollte ursprünglich dieses Seminar mit Alex machen.“ er musste jetzt doch grinsen. „DAS hätte ich gerne gesehen – eigentlich schade!“ Sie zwinkerte ihm zu. „Aber wir können das ja noch bei euch nachholen.“ – „Ach das muss gar nicht sein!“ winkte Per gespielt großzügig ab. „Ich bestehe da drauf!“ – „Dann viel Erfolg – du wirst noch Alex dazu überreden müssen – und da weiß ich: du beißt auf Granit!“ Per lächelte zufrieden. Er war sich seiner Meinung über seinen homophoben Zimmerkumpel sicher. Niemand konnte so entsetzt gleichgeschlechtliche Paare betrachten wie sein ehrenwerter WG-Kumpel.
****************************************
Beide saßen nebeneinander in der U-Bahn und schwiegen. Freddy sah immer wie zu Per als wollte sie etwas sagen und traute sich nicht. Per, der selber versuchte die ganze Zeit Freddy etwas zu fragen, bemerkte davon nichts. „Wollen wir noch was trinken gehen?“ brach es aus Freddy heraus. Pers Gesicht hellte sich auf. „Gerne!“ – „Lass uns zum Shop gehen – ich glaube, da arbeitet heute weder Genny noch Alex – wir sind also sicher – alleine – ich meine…“Per räusperte sich. Sie strahlte und nickte. Per atmete erleichtert auf.
****************************************
Freddy und Per hatten sich an einen der Ecktische zurück gezogen und hatten zwei große Tassen Kaffee vor sich stehen und unterhielten sich. Immer wieder lachten beide und schienen gar nicht gehen zu wollen. „So Freunde – ich will schließen – muss euch leider rausschmeißen.“ erklärte Tony. „Klar – sorry!“ Per lachte verlegen, zahlte und beide verließen den Shop. Auf dem Weg zur U-Bahnstation erklärte Per plötzlich: „Ich hatte heute viel Spaß!“ – „Ich auch!“ Freddy sah ihn leicht lächelnd ernst an. „Vielleicht können wir es wiederholen…?“ gespannt sah er sie an. „Ja natürlich – gerne – hast du am Wochenende schon was vor?“ – „Sonntags geh ich mit Cleo in die Kirche, aber – vielleicht Samstagabend?“ – „Gerne!“

Per fühlte sich so leicht wie schon lange nicht mehr – trotz Cleos guter Küche.

Zusätzliche Informationen