Teil 10:Sonntag 2. Advent

„Wieso tu ich mir das an?“ Per fluchte. „Es ist Sonntag! Ich war gestern lange weg und habe weiß Gott besseres zu tun als in die Kirche zu gehen!“
„Das hilft dir nichts, wir gehen immer am zweiten Advent in die Kirche!“ erklärte Cleo bestimmt und zupfte an seiner Krawatte herum. „Zu Hause – Au! – Nicht so eng –ich kann ja nicht mal Atmen!“ beklagte sich Per. „Wer sagt, dass du Atmen sollst? Du sollst gut und ordentlich aussehen und deinen Eltern keine Schande machen.“ erklärte Cleo mütterlich. „Glaub mir, wenn Freddy nicht mitkommen würde, könntest du dir die Zähne ausbeißen.“ – „Ich habe harte Zähne!“ erklärte Cleo trocken. „Muss ich wirklich die Jacke anziehen?“ Per klang weinerlich. „Das ist keine Jacke sondern ein Blazer und ja, du musst ihn anziehen. – Du siehst gut darin aus.“ – „Ich muss nicht gut aussehen, ich bin Student, Studenten dürfen nicht gut aussehen, sie müssen aussehen, als hätten sich die Klamotten von verschiedenen Personen zufällig an einer zum Lernen getroffen.“ erklärte Per. Cleo lachte laut auf und grinste breit. „Wenn du so grinst siehst du Tante Christina ähnlich.“ –„Du hast Glück, dass Tante Christina gut aussieht.“ –„Aber ein Benehmen hast du wie Marmy – AUA!“ Cleo hatte ihn auf den Oberarm mit der Faust geschlagen. Marmy war die Schwester ihres Großvaters. Eine gutmütige liebenswerte aber gewaltige Frau, die es sich nicht nehmen ließ, die Geschicke der lieben Familie zu lenken, sehr lautstark. Die Diskussion ging noch weiter als Cleo endlich von dem Klingeln an der Tür erlöst wurde. Freddy im Trenchcoat und dazu passender Baskenmütze, Handschuhen und Schal wurde von Per mit einem langen Kuss begrüßt. „Du siehst gut aus!“ Freddy nickte ihren gerade-erst-Freund zu, nachdem sie ihn in Anzug und Krawatte von oben nach unten begutachtet hatte. Per nickte stolz und zog seine Krawatte zu Recht. „Ich weiß eben, wie man sich kleidet!“ erklärte dieser stolz. Leider konnte er dieses Statement nicht lange aufrecht erhalten, denn das hyänenartige Lachen von Cleo und die dahingeworfene Bemerkung: „HA! – Wie war das vorhin, dass Studenten nicht gut aussehen müssten? – Freddy, du hättest ihn vorher woiseln hören! Der gute Herr hatte tatsächlich den guten Blazer als ,Jacke‘ herabgesetzt.“ straften seiner Worte Lügen. Per seufzte und verfluchte im Geiste denjenigen, der je die erste Schwester eines Mannes in die Welt gesetzt hatte im Allgemeinen und seine Eltern im Besonderen, die seine Schwester in die Welt gesetzt hatten. „Dann können wir ja gehen.“ bemerkte Freddy trocken und als die Geschwister den draußen vorherrschenden winterlichen Temperaturen angemessen gekleidet waren brachen sie auf. „Wieso kommt Alex eigentlich nicht mit?“ erkundigte sich Freddy, während sie die endlosen Stufen des Treppenhauses herab stiegen. „Der darf noch schlafen!“ grummelte Per mit einem leisen Hauch von Neid. Beide Mädchen lachten. „Er arbeitet heute wieder.“ erklärte Cleo und hoffte, dass die beiden die plötzlich aufsteigende Röte in ihre Wangen der Kälte, die sie empfing als sie aus dem Hausflur auf die Straße traten, zuschrieben. Freddy hackte ihn unter, sie hatten das Haus verlassen und wanderten in Richtung U-Bahnstation, und lachte ihn an. „Na aber mit so netter Begleitung…“ den Rest ließ sie offen und Per konnte, wie jeder Mann Frauen eher selten verstehen, aber so viel wusste auch er: dagegen hatte er einfach kein Argument!
Er beschloss nun Frieden zu halten und lachte auch, hackte Cleo auf seiner anderen Seite unter und so betraten sie die U-Bahnstation.
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Tony’s kannte keinen Feiertag. Der Kaffeeshop hatte jeden Tag offen und dank den vielen Arbeitssuchenden Studenten konnte sein Inhaber Tony dies auch leicht durchführen. Meistens teilte er für seine Schichten immer mindestens zwei Studenten ein bzw. die Studenten konnten sich selber einteilen. Das klappte auch meistens ganz gut, nur nicht in der Weihnachtszeit. Da wurde lieber gefeiert, für noch ausstehende Prüfungen gelernt und Arbeiten geschrieben. Es war somit üblich, dass in den letzten Tagen und Wochen vor Weihnachten immer dieselben armseligen am meisten abgebrannten Kreaturen ihren Dienst schoben. Heute waren wieder mal Genny und Alex dran. Tony grinste als der den Gastraum betrat und einen Karton auf die Theke stellte. Genny in sauberer Schürze, er fragte sich, wie sie das nur hinbekam, stand hinter der Theke und überblickte den Raum. Alex, dessen Schürze wieder mal aussah als hätte er den Boden damit aufgewischt – Tony war sich nie sicher ob Alex es nicht auch tat – saß auf einem Stuhl kippelnd, die Füße auf der Lehne eines Stuhles, bei ein paar Kommilitonen und unterhielt sich prächtig bzw. den Shop mit lautem Gelächter. Hatte er ihn gesehen? Tony glaubte schon und entschied sich für einen ernsten Blick und mitten im Lachen hielt sein Angestellter inne und bei dem Versuch sich ordentlich hinzusetzen, blieb sein rechtes Bein mit der Hose an der Lehne vom Stuhl hängen und verlor dadurch das Gleichgewicht und krachte mit dem Stuhl nach hinten und mit dem Kopf auf den Boden. „Aua!“ jaulte Alex auf. Genny, die mittlerweile dabei war ein paar Tische abzuräumen rannte gleich hin. Lucas, einer aus der Gruppe war schneller. „Alles ok?“ hielt Alexander aber unten, der sich aufrichten wollte. „Hey nicht so schnell, bleib erst mal ruhig liegen, nicht, dass was gebrochen ist. „Mir fehlt schon nichts!“ er versuchte zu grinsen obwohl ihm doch alles wehtat und schloss die Augen. Langsam richtete sich Alex gegen den Prostest der Umstehenden auf. „Keine Sorge – Unkraut vergeht nicht.“ – „Na setz dich lieber noch kurz hin – aber richtig!“ mahnte Tony. „Du bist zu oft in den nächsten Tagen eingeteilt, als dass ich dich entbehren könnte.“ –„Deine Fürsorge ist rührend.“ antwortete Alex trocken. „Man kippelt auch nicht mit dem Stuhl, das machen kleine Kinder.“ –„Andere Chefs erschrecken ihre Mitarbeiter nicht immer.“ schoss Alex zurück. „Ich habe Übrigends noch eine Kiste Weihnachtsdekoration gefunden.“ erklärte Tony. Alexander stöhnte auf. „Ich bin schwer verletzt, ich glaube ich muss ins Krankenhaus.“ Genny lachte ob der offensichtlichen Lüge. Tony legte seine Hand auf Alex’ Schulter. „Schwer verletzt bist du zwar nicht, aber bleib lieber noch etwas sitzen.“ – „Toll, er spielt rum und ich darf derweil seine Arbeit machen!“ maulte Genny gespielt beleidigt, zwinkerte Alex dann aber zu und meinte dann: „Dafür habe ich was bei dir gut.“ Dieser schüttelte den Kopf. Wie er Genny kannte, würde sie schon dafür sorgen, dass er seine Schuld einlöste. Was sie nur wollte?

Doch Alex brauchte sich keine Gedanken machen, ein paar Mädchen aus seinen Seminaren leisteten ihm in seiner unfreiwilligen Wartezeit – er hasste es wirklich gezwungener Maßen nichts zu tun, außer er entschied sich selber nichts zu tun – Gesellschaft. Er fuhr gerade einer langhaarigen Blondine mit der Hand durch die Haare als die Tür aufging und Cleo mit Freddy und Per den Shop betrat.
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Cleo musste schlucken, als ihr Blick auf Alex viel, wie er sich ganz offensichtlich amüsierte und mit einem Mädchen beschäftigte. Genny winkte Cleo zu. Da Freddy und Per offensichtlich die Zweisamkeit genossen und Alex anderweitig verpflichtet war, beschloss Cleo, sich an die Theke zu setzen, die gerade von Genny abgewischt wurde. „Hey – wie war’s in der Kirche?“ wollte Genny wissen. „Oh ganz nett – irgendwie nur so – so unpersönlich. Bei uns ist es viel familiärer. Na ja, ist ja auch auf dem Land.“ Sie zuckte mit den Schultern. „Na wie geht’s?“ unbemerkt hatte sich Alex von hinten genähert. Cleo zuckte zusammen. „Tschuldigung – und ?“ – „Was und?“ – „Wie geht’s?“ – „Oh ganz gut. Und selbst? Ist viel los heute?“ – „Na ja es geht, für einen Sonntag.“ erklärte Genny. Cleo nickte. „Über Langeweile könnt ihr euch sicher nicht beklagen!“ bemerkte Cleo mit leicht spitzem Tonfall. Sie dachte an die Blondine und Alex Hand auf deren Haar. „Das kann man wohl sagen. Alex hatte heute für eine artistische Einlage gesorgt.“ Genny grinste. Sie dachte an Alex, der mit dem Stuhl umgekippt war. Cleo sah beide fragend an. Erst Genny, dann Alexander. Dieser lachte. „Nichts Besonderes – ich bin mit dem Stuhl umgekippt – muss komisch ausgesehen haben als meine Beine in die Luft geflogen sind.“ – „Na ganz so harmlos sah es nun doch nicht aus.“ lenkte Genny ein als sie Cleo erschrockenen Blick bemerkte. „Ist auch alles ok? – Du musst zum Arzt, wenn du dir den Kopf angeschlagen hast?“ – „Da kann nicht viel kaputt gehen, Cleo – bei so viel Vakuum!“ Genny grinste. „Keine Sorge – es geht mir gut! Wirklich!“ Alex hob beschwichtigen die Hände. Beugte sich dann mit aufgerissenen Augen schnell zu Cleo und raunte ihr zu: „Schnell, leg deine Arme um mich!“ Und noch bevor sie zögern konnte, tat sie wie ihr geheißen und er beugte sich noch näher zu ihr und flüsterte ihr ins Ohr: „Hinter dir die eine Blondine nervt schon die ganze Zeit. Ich konnte kaum aufstehen obwohl es mir wirklich wieder gut geht. Wenn sie denkt, dass wir enger bekannt sind, dann geht sie – hoffentlich.“ – „Welche Blondine?“ flüsterte Cleo in sein Ohr. Alex erschauerte als ihn ihr Atem traf. „Die eine, mit der ich vorhin gesprochen hatte.“ Cleo kicherte erleichtert.
Alex wollte nichts von der Blondine. Lieber gab er in aller Öffentlichkeit vor, mit ihr – Cleo – enger bekannt zu sein. Cleos Herz schoss Hoppeheister.

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