Liebe Familie Tag 1 Teil 1

„Liebe Familie, hier seht ihr mich vor einem wundervollem Gebäude – leider habe ich keine Ahnung welche große Bedeutung dieses für die Geschichte dieses Landes hat – aber es ist sehr beeindruckend…“ Die weibliche Stimme machte eine Pause um dann hinzuzufügen: „…hoch!“

Da war sie wieder! Den ganzen Tag hatte sie ihn schon verfolgt, ohne dass er jedoch den dazugehörenden Menschen bzw. die dazugehörende Person hatte ausfindig machen können. Entweder war sie schon in einem Report über die Stadt oder ein Gebäude, über harmlose Passanten, die sie gerade beobachtete oder wandte sich gerade erneut an die „liebe Familie“ in einem leicht trockenen, reportierenden, sarkastischen Tonfall. Jetzt saß er nach einer langen Sightseeingrunde in einem kleinen Cafe an der Straße und seine Gedanken wurden erneut unterbrochen. Sie musste ganz nah sein. Er drehte sich um und sah genau neben ihn in ein paar dunkle Augen. Das Gesicht war zum Teil vom Display des Camcorders bedeckt. Besagte junge Dame filmte sich also selber, wie sie die Stadt erlebte. Mal eine interessante Variante, aber er hoffte für die junge Dame, dass besagte „liebe Familie“ doch viel Geduld für diese Art Videoreport hätte. Er selber hasste nichts mehr, als Urlaubs- und Ferienberichte seiner lieben Anverwandten. Gerade im Zeitalter der Digitalkameras haben die Urlaubsfotos stark an Quantität zugenommen. Leider auch die einhergehenden Reiseberichte, was jedoch die Qualität nicht gerade verbesserte.

Da hatte sie seinen Blick bemerkt und als sie ihn angrinste sah er zwei Reihen weißer spitzer Zähne. Er grinste zurück.

Da wurde der Camcorder auf ihn gerichtet. Das Grinsen der jungen Dame verbreiterte sich, als sie sein Unbehagen verspürte.

„Liebe Familie. Neben mir sitzt ein netter junger Mann, der von meinem Report an Euch so sehr gefangen war, dass er mir seine Aufmerksamkeit schenkte. – Liebe Schwestern überzeugt Euch selbst: DAS ist doch mal ein besserer Anblick als so ein altes Gebäude!“

Leichte Röte stieg in seine Wangen. Diese Person war doch wirklich zu frech. Ihm fiel leider kein geeigneter Kommentar ein. Da nahm sie die Kamera runter, machte sie aus und lächelte entschuldigend.

„Wir haben uns heute schon öfters gesehen!“ Das war sie. „Ich hoffe Sie fühlen sich durch mich nicht gestalkt?“

„Nein gar nicht!“ er machte eine abwehrende Handbewegung. „Wohl auch auf Rundreise?“

Sie lachte. „Schön wär’s – nein, ich bin unterwegs zum Familientreffen.“ Sie hob demonstrierend ihre Kamera. „Und schau mir die Gegend vorher an.“

„Da wird sich Ihre Familie aber über was Interessantes freuen können.“ Sie schien erneut seinen Unmut zur spüren, denn das Grinsen wurde breiter. Sie hatte immer mehr Ähnlichkeit mit Cheshire Cat bei Alice im Wunderland. Wahrscheinlich würde sie sich dann auch gleich in Luft auflösen und nur noch den grinsenden Mund übrig lassen.

„Nun, sie wollten dass ich zum Familientreffen komme und warum sollen sie nicht genauso leiden wie ich?“ sie zwinkerte ihm zu.

Er lachte laut auf. DAS konnte er verstehen. Wenn er noch etwas mehr hasste als Reisberichte von Familienmitgliedern, dann war das ein Treffen mit denselben und genau zu so einem war er unterwegs. Alle lieben Verwandten trafen sich um einander die Neuigkeiten mitzuteilen. Konnten sie dazu nicht miteinander telefonieren? Mit Flatrate war das sogar viel günstiger als so ein Treffen.

„Noch alles Gute!“ sie stand auf, packte die Kamera ein und winkte ihm noch zum Abschied zu. Er nickte ihr zu und widmete sich seinem Handy, welche just in diesem Moment mit „I just can’t wait to be king“ meldete. Er stieß einen leisen Fluch aus. Mona-Elise hatte wieder seinen Klingelton geändert.

Cheshire Cat lachte ihn an und ging dann mit schwingenden Hüften von dannen.

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